Liebe Kolleginnen und Kollegen, Wir hoffen, dass es Euch allen gut geht. Wir haben für Euch wie immer eine vielfältige Zusammenfassung von neuen Studien zur Frührehabilitation und den Newsticker zusammengestellt.
Viel Spaß beim Lesen des Newsletters! Peter, Sabrina, Marina & Maria
Angst vor der ersten Mobilisierung Die frühe Mobilisation nach herzchirurgischen Eingriffen ist ein zentraler Bestandteil der postoperativen Genesung, dennoch berichten Patient:innen häufig über Ängste in dieser Phase. Ziel der vorliegenden Studie war es, diese Erfahrungen näher zu untersuchen. Akbal et al. (2025) führten dazu eine qualitative, phänomenologische Untersuchung mit 16 Patient:innen nach offener Herzoperation durch. Datengrundlage waren leitfadengestützte Interviews, ausgewertet nach Colaizzis Ansatz. Im Ergebnis zeigten Patient:innen vor allem Angst vor Schmerzen, Schwindel, Stürzen, Wundkomplikationen und Reoperationen. Als unterstützende Faktoren erwiesen sich Vertrauen in die Pflegekräfte, deren ermutigende Kommunikation sowie eine positive Grundhaltung und erfolgreiche erste Mobilisationserfahrungen. Die Autor:innen empfehlen, pflegerische Interventionen konsequent an individuellen Ängsten auszurichten. Dazu zählen umfassende Aufklärung, Schmerzkontrolle, ein sicheres Management von Drainagen, unterstützende Hilfsmittel und eine empathische, vertrauensbildende Kommunikation. Darüber hinaus regen sie multiprofessionelle Ansätze und Nachbefragungen nach der Entlassung an, um nachhaltige Strategien zur Reduktion von Mobilisationsängsten zu entwickeln. Limitationen betreffen die kurze Interviewdauer, die ausschließliche Fokussierung auf Angst und die eingeschränkte Generalisierbarkeit. Die Arbeit unterstreicht sie die Bedeutung empathischer Kommunikation und interprofessioneller Zusammenarbeit. Akbal S, Yildirim M, Unver S. What Do Patients Fear on Their First Out-of-Bed Mobilisation Following Open-Heart Surgery? A Phenomenological Exploration. Nurs Crit Care. 2025 Sep;30(5):e70152 Link
Personenzentrierte Physiotherapie Physiotherapie ist ein zentrales Element der Rehabilitation auf Intensivstationen, dennoch bleibt unklar, wie sich personenzentrierte Ansätze in diesem Setting umsetzen lassen. Ziel der Studie war es, Patient:innenperspektiven auf physiotherapeutische Versorgung auf Intensivstationen zu erfassen. Carruthers et al. (2025) führten dazu eine qualitative Studie mit Interpretativer phänomenologischer Analyse durch. Acht ehemalige Intensivpatient:innen, die eine invasive Beatmung mit prolongiertem Weaning durchlaufen hatten, wurden in leitfadengestützten Interviews befragt. Im Ergebnis zeigte sich, dass Patient:innen Physiotherapie als personenzentriert wahrnahmen, auch wenn sie in der frühen Phase nicht aktiv mitentscheiden konnten. Zentrale Themen waren das „Pushen“ durch Physiotherapeut:innen - emotional durch Motivation und ermutigende Worte, physisch durch das Setzen von Zielen - sowie das Gefühl von Sicherheit, Vertrauen und das Verstehen der veränderten Körperwahrnehmung. Als besonders bedeutsam wurde die Balance zwischen zu viel und zu wenig Druck empfunden. Auch das Erreichen kleiner, realistischer Ziele stärkte Motivation und Genesungswillen. Daher kann Physiotherapie auf Intensivstationen auch ohne vollständige Partizipation als personenzentriert erlebt werden, wenn Sicherheit, Vertrauen und motivierende Zielsetzungen gegeben sind. Carruthers H, Derry D, Astin F. Pushing and guiding me towards home; patients' perspectives of person-centred physiotherapy in Intensive Care. Disabil Rehabil. 2025 Feb 22:1-9. doi:10.1080/09638288.2025.2466724 Link
Neue Meta-Analyse zur Frühmobilisierung Mobilisation ist eine zentrale pflegerische und therapeutische Maßnahme in der Intensivmedizin, dennoch bestehen Unsicherheiten über das optimale Vorgehen. Ziel der vorliegenden Arbeit war es, Nutzen und Risiken erweiterter gegenüber üblicher Mobilisationsaktivitäten zu prüfen. Carayannopoulos et al. (2025) führten dazu eine systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse durch, die 59 randomisiert-kontrollierte Studien mit insgesamt 8.462 kritisch kranken Erwachsenen einschloss. Im Ergebnis kann durch die erweiterte Mobilisation die Inzidenz von ICUAW (RR 0,79; moderate Evidenz) gesenkt werden und die Dauer von Delir (-1,34 Tage; niedrige Evidenz) sowie der invasiven Beatmung (-1,07 Tage; moderate Evidenz) verkürzt werden. Auch Aufenthaltsdauer in Intensivstation und Krankenhaus wurde tendenziell reduziert. Zudem verbesserten sich funktionelle Parameter, Lebensqualität und die Wahrscheinlichkeit der Entlassung nach Hause. Gleichzeitig ergaben sich keine relevanten Unterschiede bei unerwünschten Ereignissen wie Extubationen oder Katheterentfernungen. Als Limitationen benennen die Autor:innen die Heterogenität der Interventionen und Kontrollgruppen sowie das Fehlen eindeutiger Kriterien für „erweiterte Mobilisation“. Die Schlussfolgerung lautet, dass besonders frühe Mobilisation wahrscheinlich den größten Nutzen entfaltet und dass Mobilisation nicht nur sicher, sondern auch ein entscheidender Hebel zur Prävention von Delir und Muskelschwäche ist. Carayannopoulos KL, Chaudhuri D, McNett M, et al. Effect of Enhanced Versus Usual Mobilization Activities in Critically Ill Adults: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. Crit Care Med. 2025 Aug 14. doi: 10.1097/CCM.0000000000006840 Link
Paracetamol zur Delirprophylaxe? Das Delir gehört zu den häufigsten und folgenreichsten Komplikationen auf Intensivstationen. Es wird unter anderem durch Schmerz, Entzündung und den Einsatz von Analgetika beeinflusst. Vor diesem Hintergrund untersuchte die vorliegende Studie den Zusammenhang zwischen Paracetamol-Gabe und dem Auftreten von Delir bei kritisch kranken Patient:innen. Bose et al. (2025) führten dazu eine retrospektive Kohortenstudie in Boston, USA, durch. Eingeschlossen wurden 17.818 erwachsene Patient:innen, die mindestens 48 Stunden auf einer Intensivstation behandelt wurden. Knapp 30% der Patient:innen erhielten Paracetamol, und insgesamt entwickelten rund 30% ein Delir. Die Analyse ergab, dass die Gabe von ≥2 g Paracetamol pro Tag mit einer signifikanten Reduktion der Delirinzidenz verbunden war (adjustierte OR 0,66). Zudem zeigte sich ein dosisabhängiger Effekt: Je länger die Patient:innen unter dem Einfluss von Paracetamol standen, desto geringer war die Delirbelastung. Besonders deutlich war der Nutzen bei Patient:innen mit gleichzeitigem Opioideinsatz. Die Ergebnisse blieben in zahlreichen Sensitivitätsanalysen stabil. Als Limitationen sind das retrospektive Studiendesign, mögliche Residualkonfounder sowie die Single-Center-Erhebung mit vorwiegend weißer Patient:innenpopulation zu nennen. Die Autor:innen schließen, dass Paracetamol eine vielversprechende Option zur Delirprävention darstellen könnte, deren Effektivität in randomisierten Studien bestätigt werden sollte. Für die Intensivpflege und Intensivtherapie in Deutschland sind diese Ergebnisse relevant, da sie einen kostengünstigen und breit verfügbaren Ansatz zur Reduktion von Delir nahelegen. Bose S, Paschold BS, Shamsi T, Kaiser L, Pensier J, Chen G, Nguyen V, Janga SR, Behera A, Talmor D, Subramaniam B, Schaefer MS. Role of Acetaminophen in Intensive Care Unit Delirium Prevention: A Retrospective Cohort Study. Ann Am Thorac Soc. 2025 Aug 4 Link
Interessante Studien, für Dich kurz zusammengefasst
Auditive Stimulation: In einer quasi-experimentellen Studie mit 43 Intensivpatient:innen mit unterschiedlichen Bewusstseinsniveaus führten Musik, Naturgeräusche und Angehörigenstimmen zu signifikanten Veränderungen der Vitalzeichen sowie zu Verbesserungen des Bewusstseins. Musik und Naturgeräusche senkten die Herzfrequenz, während Angehörigenstimmen Herz- und Atemfrequenz steigerten und besonders positiv auf das Bewusstsein wirkten. Yıldırım et al. (2023) aus der Türkei. Gök et al (2025 aus der Türkei
Implementierung: Frühe Mobilisation beatmeter Intensivpatient:innen verbessert nachweislich Gesundheit und Genesung, ist in Pakistan jedoch noch kein Standard. Ein Qualitätsverbesserungsprojekt mit 57 Fachpersonen zeigte, dass ein zweistündiges E-Learning-Modul das Wissen zu Nutzen und Sicherheit der Mobilisation signifikant steigerte, während Einstellungen unverändert blieben, und liefert damit eine Grundlage für zukünftige Schulungen und die Einführung entsprechender Konzepte in der klinischen Praxis. Ali et al (2025) aus Pakistan
Sprechventil: in einer Pilotstudie mit 20 tracheostomierten Patienten:innen, dass 20 Minuten Cycling mit vs. ohne Sprechventil zu keinen bedeutsamen Unterschieden in den Vitalparametern führte, mit Kommunikation aber mehr Spaß brachte. Churchill et al (2025) aus Australien
PES: In einer randomisierten Pilotstudie mit 60 Schlaganfallpatient:innen mit schwerer postextubationsbedingter Dysphagie führte die pharyngeale Elektrostimulation (PES) im Vergleich zur Scheinbehandlung zu einer schnelleren Schluckerholung, höherer oraler Nahrungsaufnahme und verbesserter Atemwegsicherheit. Zudem verkürzte PES die Aufenthaltsdauer auf Intensivstation (3,1 vs. 8,5 Tage) und im Krankenhaus (13,8 vs. 21,9 Tage). Suntrup-Krueger et al. (2023) aus Deutschland.
Cycling und Kosten: In einer ökonomischen Evaluation der CYCLE-RCT mit 360 beatmeten Intensivpatient:innen aus Kanada, den USA und Australien zeigte sich kein signifikanter Unterschied in Kosten oder qualitätsadjustierten Lebensjahren (QALYs) zwischen früher Bettfahrrad-Therapie plus Physiotherapie und alleiniger Physiotherapie. Die Wahrscheinlichkeit für Kosteneffektivität lag bei 19 % und verdeutlicht den Bedarf weiterer Studien. Tarride et al. (2025)
Implementierung: In einer qualitativen Interviewstudie mit 31 Intensivpflegefachpersonen und Ärzt:innen aus fünf Kliniken in Westchina zeigten sich vielfältige Erfahrungen bei der Umsetzung früher aktiver Mobilisation beatmeter Patient:innen, darunter emotionale Belastungen, beruflicher Nutzen, organisatorische Herausforderungen sowie der Bedarf an klareren Mobilisationsplänen. Die Ergebnisse betonen die Bedeutung von Ressourcen, Planung und interdisziplinärer Zusammenarbeit zur Optimierung von Patientenergebnissen. Liu et al. (2023) aus China
Digitale Reha: Die Einführung eines strukturierten digitalen Therapiekonzepts (DCT) bei 120 Intensivpatient:innen führte im Vergleich zur Kontrollgruppe zu einer Reduktion psychologischer Beschwerden (Angst, Depression, Delir), einer Verbesserung der körperlichen Funktionen (höhere Muskelkraft) sowie gesteigerter kognitiver Fähigkeiten. Damit zeigt sich das Potenzial von DCT, Symptome des Post-Intensive-Care-Syndroms (PICS) zu vermindern und die Erholung von Intensivpatient:innen zu fördern. Elhady et al. (2024) aus Ägypten.
Aktive Teilnahme: In einer prospektiven Kohortenstudie mit 141 Intensivpatient:innen zeigte sich, dass eine höhere aktive Teilnahme an früher Mobilisation mit stärkerer Muskelkraft bei Entlassung und einer geringeren Inzidenz von ICU-erworbener Schwäche verbunden war. Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung patientenzentrierter Strategien und der Rolle der Pflegefachpersonen zur Förderung der Mobilisation und Verbesserung von Genesung und Lebensqualität. Zhang et al (2025)
Frühmobilisierung: In einem Cochrane-Review mit vier RCTs und 491 Intensivpatient:innen konnte gezeigt werden zeigt, dass Mobilisierung im Vergleich zur üblichen Versorgung die Delirdauer reduzieren (MD -1,07 Tage) und den Aufenthalt auf der Intensivstation verkürzen (MD −2,24 Tage) kann, ohne dass unerwünschte Ereignisse berichtet wurden. Garegnani et al (2025)
UK-Praxis: Eine Umfrage im Vereinigten Königreich mit 249 Intensivstationen zeigte, dass zwar 89% routinemäßig ein Delirscreening durchführen (meist mit CAM-ICU), jedoch nur 50% standardisierte Delir-Bundles einsetzen, die zudem oft nicht konsequent angewendet werden. Häufig werden Antipsychotika und Benzodiazepine genutzt, während nicht-pharmakologische Maßnahmen breit etabliert sind; die Ergebnisse verdeutlichen den Bedarf an evidenzbasierten, einheitlichen und nachhaltig implementierbaren Delir-Bundles. Gibbison et al. (2025)
FAM-CAM: Familienangehörige von 817 älteren chirurgischen Intensivpatient:innen konnten in 1.349 Assessments mit der FAM-CAM postoperative Delirsymptome zuverlässig und teils häufiger als Mitarbeitende erkennen. Mickle et al (2025)
Familie: die ACTIVATE Studie zeigte, dass eine strukturierte Angehörigenintegration als Delirprävention und -therapie machbar ist. Wird dies heute noch als möglich angesehen, morgen aber als essentiell? Exzellentes Editorial von Vater et al. (2025)
Besuchsrestriktionen: Die vollständige Besuchsrestriktion war während der COVID-19-Pandemie bei insgesamt 2.970 Intensivpatient:innen mit einer signifikant höheren Delirinzidenz verbunden (48,1 % vs. 38,4 %). Dies verdeutlicht die Relevanz von Besuchsregelungen für Patient:innen und weist auf den Bedarf alternativer Strategien wie Videobesuche hin, um negative Folgen zu verhindern. Lim et al. (2025) aus Südkorea.
Prävention in Pädiatrie: In einem Scoping Review mit neun Studien zu nicht-pharmakologischen Interventionen bei pädiatrischem Delirium wurden 16 Maßnahmen identifiziert, darunter Mobilisation, Einbindung der Familie, Schlafverbesserung sowie standardisierte Instrumente zur Ursachenabklärung. Die Ergebnisse zu Wirksamkeit waren uneinheitlich, was den Bedarf an qualitativ hochwertiger Interventionsforschung mit vergleichbaren Endpunkten unterstreicht. Zilezinski et al. (2024)
Fahrverhalten: Zu ihrem Fahrverhalten wurden 151 ehemalige Intensivpatient:innen im Median 3,7 Jahre nach Intensivaufenthalt befragt. Ein Delir war nicht unabhängig mit langfristigen Veränderungen im Fahrverhalten assoziiert, jedoch berichteten die Betroffenen über geringere Fahrleistung, Selbstständigkeit und Fahrkompetenz. Multizentrische Kohortenstudie von Danesh et al. (2025) aus den USA
ACTIVATE: Die Studie untersuchte die Machbarkeit einer familienbasierten Intervention zur Prävention, Erkennung und Behandlung von Delirium auf Intensivstationen. Insgesamt wurden 197 Patient:innen-Familien-Paare angesprochen, wovon 64 eingeschlossen wurden. Ergebnisse zeigten, dass Angehörige Delirium erkennen und präventive Strategien anwenden konnten, allerdings traten Rekrutierungs- und Umsetzungsprobleme auf, die durch die COVID-19-Pandemie verstärkt wurden. Pilot-RCT von Fiest et al. (2023) aus Kanada
Kommunikation: Pflegefachpersonen nehmen trotz zahlreicher Kommunikationshindernisse wie Arbeitsüberlastung, Sprachbarrieren oder fehlender Schulung eine Schlüsselrolle in der Familienkommunikation ein und können durch strukturierte Trainings sowie institutionelle Protokolle wesentlich zur Humanisierung der Versorgung beitragen. Scoping Review von Oliva et al (2025)
FAMILIEN
Besuchszeiten: Die Besuchsregelungen auf Intensivstationen in China wurden anhand einer Befragung von 16.359 Teilnehmenden (13.483 Mitarbeitende, 2.876 Angehörige) aus 1.200 Krankenhäusern durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen überwiegend restriktive Besuchszeiten mit 1x Besuch pro Tag, jedoch eine hohe Akzeptanz für flexiblere Modelle, insbesondere im Kontext von Rehabilitation und Lebensende. Huang et al. (2025) aus China
Integration: Die Übersichtsarbeit untersuchte den Nutzen von pflegerisch geleiteten Interventionen zur Unterstützung von Angehörigen kritisch kranker Intensivpatient:innen, insbesondere in den Bereichen Kommunikation, Entscheidungsfindung und emotionaler Bindung. Eingeschlossen wurden 18 Studien mit unterschiedlichen Interventionen wie strukturierte Gespräche, offene Besuchszeiten, Angehörigenbeteiligung an der Pflege und technologiegestützte Ansätze. Die Ergebnisse zeigen positive Effekte auf Angehörigenzufriedenheit und psychische Belastung, jedoch sind Generalisierbarkeit und Evidenzqualität eingeschränkt. Übersichtsarbeit von Checa-Checa et al (2025)
Tagebücher: Die Studie untersuchte die Machbarkeit und erste Effekte eines Tagebuchs für Kinder-Intensivstationen (PICU) auf psychologische Belastungen von Eltern und Kindern nach Entlassung. Insgesamt wurden 119 Patient:innen eingeschlossen, davon erhielten 60 ein Tagebuch und 59 nicht. Die Ergebnisse zeigten eine gute Umsetzbarkeit und hohe Zufriedenheit, jedoch keine signifikanten Unterschiede in Angst, Depression oder PTSD zwischen den Gruppen. Pilot-RCT von Genna et al. (2024) aus Italien
Familienresilienz: Eine Konzeptanalyse definiert „family resilience in the ICU“ als die Fähigkeit von Familien, auf die unerwartete und belastende Situation einer Intensivaufnahme zu reagieren, indem sie vorhandene Ressourcen aktivieren, ein gemeinsames Glaubenssystem entwickeln, Strukturen reorganisieren und Unterstützung suchen, um sich an die veränderte Situation anzupassen und den Patienten zu unterstützen. Zentrale Empfehlungen sind: Familienmerkmale identifizieren, Erwartungen klären, Orientierung und Kontrolle ermöglichen, Angehörige in Entscheidungen und Pflege einbeziehen sowie externe Unterstützungsressourcen fördern. Sun et al. (2025)
Am 13. September war “Welt – Sepsis Tag!” Dazu – im Zusammenhang mit Familien – eine lesenswerte Studie: Kinder, die eine Sepsis überleben, haben oft langfristige körperliche, kognitive und seelische Einschränkungen. Auch ihre Familien sind stark betroffen: Eltern entwickeln nach einer Intensivbehandlung des Kindes doppelt so häufig psychische Erkrankungen. Dennoch gibt es bislang nur wenige strukturierte Nachsorgeangebote. Die Übersichtsarbeit von Middleton et al. (2025) identifiziert zwei aufkommende Modelle: Das Children’s Hospital of Philadelphia setzt auf eine pflegerische Koordinatorin, die Familien beim Übergang nach Hause begleitet, eine telemedizinische Nachsorge durchführt und gezielt weitervermittelt. Das Queensland Paediatric Sepsis Program rückt die Familie ins Zentrum: mit Peer-Mentoring, einem Familienregister, Videos und Materialien in elf Sprachen. Besonders betont wird dort psychosoziale Unterstützung und die Teilhabe der Eltern an der Gestaltung der Angebote. Beide Programme zeigen: Familienzentrierte Nachsorge erleichtert nicht nur den Übergang von der Klinik ins Zuhause, sondern stärkt auch die psychische Gesundheit der Angehörigen und schafft Orientierung in einer komplexen Situation. Zugleich wird deutlich, dass bislang systematische Evaluationen fehlen und eine breite Implementierung noch aussteht. Fazit und Überlegungen: Für eine nachhaltige Versorgung brauchen wir Programme, die medizinische, psychosoziale und kulturelle Bedürfnisse von Familien nach einer Sepsis ernst nehmen – und sie aktiv in Entwicklung und Umsetzung einbeziehen. Und das nicht nur im Kinder- sondern auch im Erwachsenenbereich. Middleton et al (2025)
Schon gewusst? Die S3 Leitlinie “Sepsis - Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge” Leitlinie der AWMF wurde neu überarbeitet
Familienzentrierte Begleitung am Lebensende auf der Intensivstation: In der Handlungsempfehlung der Sektion Ethik der DIVI und der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin wird betont, dass am Lebensende auf Intensivstation nicht nur die Patient:innen, sondern auch ihre Angehörigen im Mittelpunkt stehen. Neben einer bestmöglichen Symptomlinderung wird eine familienzentrierte Versorgung gefordert: klare, empathische Kommunikation über den Krankheitsverlauf, psychosoziale und spirituelle Unterstützung sowie Raum für Abschied und Rituale. Angehörige werden weit gefasst – nicht nur Familienmitglieder, sondern alle nahestehenden Personen. Interprofessionelle Teams (Pflege, Ärzt:innen, Psychologie, Seelsorge, Sozialdienst) sollen gezielt eingebunden werden, um Familien in dieser belastenden Phase Orientierung, Halt und Begleitung zu geben. Lesenswert! Knochel et al. (2025)
OUTCOME
Nachsorge: Ein Wiedersehen von Intensivüberlebenden und Mitarbeitenden fördert sowohl das Wohlbefinden des Personals als auch die Versorgung durch Humanisierung, bessere Entscheidungsgrundlagen und Qualitätsverbesserungen. Qualitative Studie von Malyon et al (2025) aus Australien
Langzeit-Reha: In einer prospektiven Kohortenstudie mit 250 kritisch kranken Überlebenden, die nach ≥5 Tagen Beatmung mit Schwäche in die Neurorehabilitation aufgenommen wurden, verbesserten sich sensomotorische Funktionen über 1,5 Jahre hinweg, blieben jedoch oft defizitär. Eine gute Teilhabe am Alltag (≥ 75%) erreichten 60,2% der Patient:innen, wobei frühe sensomotorische Tests nur begrenzt prädiktiv waren, während ein erweitertes Modell zusätzliche Faktoren wie Depression, Beatmungsdauer und kognitive Funktion besser berücksichtigte. Weghorn et al. (2025)
Melatonin: In einer systematischen Übersichtsarbeit mit 20 RCTs zeigte sich kein signifikanter Effekt von Melatonin oder Melatoninrezeptor-Agonisten auf die Verweildauer auf Intensivstation oder im Krankenhaus, wobei die Evidenz insgesamt sehr niedrig eingestuft wurde. Subgruppenanalysen deuten jedoch auf Vorteile für Patient:innen nach Bypassoperation (-0,47 Tage ICU-LOS) sowie für COVID-19-Erkrankte (-3,9 Tage Krankenhaus-LOS) hin. Khan et al. (2024) aus dem Vereinigten Königreich. Kelleher et al. (2025) Link https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40920753/ und ein Editorial von Devlin et al (2025)
Reha-Ziele: Bei 151 Intensivüberlebenden aus drei schottischen Kliniken wurden nach der Entlassung insgesamt 314 persönliche Ziele definiert, die sich auf körperliche, gesundheitliche, psychosoziale, berufliche sowie soziale Aspekte der Erholung bezogen. Diese Ergebnisse verdeutlichen die Vielfalt patientenzentrierter Bedürfnisse und sollten bei zukünftigen Forschungs- und Versorgungskonzepten berücksichtigt werden. Smith et al. (2023) aus Schottland.
Abkürzungen: HWI = Hinterwandinfarkt oder Harnwegsinfekt? Eine Übersichtsarbeit zeigt, dass uneindeutige Abkürzungen und Akronyme in der Intensivmedizin ein erhebliches Risiko für Kommunikationsfehler, Medikationsfehler und Behandlungsverzögerungen darstellen. Um diese Gefahr zu verringern, empfehlen die Autor:innen standardisierte Terminologie, geschlossene Kommunikation, Schulungen sowie klare Dokumentationspraktiken. Berger et al (2025)
Verhaltensänderungen: Interventionen zur Verhaltensänderungen sind besonders dann erfolgreich, wenn sie praktische Hürden abbauen und strukturelle Bedingungen verändern, während reine Wissens- oder Glaubensvermittlung nur geringe Wirkung entfaltet. Übersichtsarbeit von Albarracin ez al (2025)
KI: In einer systematischen Übersichtsarbeit mit 249 Studien konnte gezeigt werden, dass KI-gestützte Modelle in der Surveillance nosokomialer Infektionen hohe Performanzwerte (Sensitivität 0,835; Spezifität 0,899;) erreichen können, jedoch eine erhebliche Heterogenität zwischen den Infektionstypen aufweisen. Die KI-Ergebnisse sind mit bisherigen Methoden vergleichbar, tatsächliche Implementierungen in klinischer Praxis bislang selten, und nur wenige Studien evaluieren den tatsächlichen Einfluss auf Patient:innenoutcomes, Arbeitsbelastung oder Kosten. Cozzolino et al. (2025)
Übergabe OP -> ICU: in einer prospektiven Beobachtungsstudie wurden 85 Übergaben von herzchirurgischen Patient:innen an eine Intensivstation untersucht und ermittelt, dass die chirurgischen Teams vorrangig Informationen zu Operationsdetails und Blutdruckzielen übermittelten, während die Anästhesieteams vor allem Laborwerte und Medikationsangaben berichteten. Auffällig war die geringe Beteiligung von Pflegefachpersonen, was die Notwendigkeit standardisierter Übergabeprotokolle und interventionsbasierter Ansätze zur Stärkung der interprofessionellen Zusammenarbeit unterstreicht. Doruker et al (2025) aus der Türkei
RASS einschätzen: Bei 62 beatmeten Intensivpatient:innen mit insgesamt 79 Assessments zeigte sich, dass die Interrater-Reliabilität der RASS-Bewertungen zwischen Pflegefachpersonen und geschulten Untersuchenden geringer war (ICC 0,728–0,779) als zwischen den beiden Untersuchenden (ICC 0,891), wobei Pflegefachpersonen tendenziell leichtere Sedierungsgrade einschätzten. Diese Unterschiede verdeutlichen die Relevanz weiterer Forschung zu Einflussfaktoren wie Berufsgruppe, Stationsumfeld und Patient:innenzustand. Fuchita et al. (2025) aus den USA.
Arterielle Katheter: In einer multizentrische Prävalenzstudie mit 924 Patient:innen in 59 australischen und neuseeländischen Intensivstationen zeigt, dass arterielle Katheter bei rund zwei Dritteln der Patient:innen eingesetzt werden, überwiegend in der Arteria radialis, wobei ihr Vorhandensein mit höherer Krankheitslast, längerer Verweildauer sowie häufiger Beatmungs- und Vasopressortherapie verbunden ist und das Management zwischen den Kliniken stark variiert. Keogh et al (2025)
ETT-Pflege: Handlungsalgorithmus Versorgung des oral platzierten Endotrachealtubus bei kritisch kranken Personen. Rothaug et al (2025)
ETT-Cuff: In einer Netzwerk-Metaanalyse mit 22 RCTs und 5.305 Intensivpatient:innen erwies sich der silberbeschichtete PVC-Tapered-Cuff als am wirksamsten zur Reduktion von VAP (OR 0,54) und bakterieller Kolonisation, gefolgt von dem Venner-PneuX-Cuff. Unterschiede zwischen den Cufftypen hinsichtlich Mortalität, Beatmungsdauer oder ICU-Verweildauer zeigten sich nicht. SuWen et al (2025)
Palliative Extubation: In dieser prospektiven Kohortenstudie (OBSERVE-WMV) zu Stresssymptomen nach palliativer Extubation mit 153 Intensivpatient:innen zeigte sich, dass 91% nach palliativer Extubation mindestens eine belastende Episode wie Atemnot, Schmerzen oder Agitation erlebten, wobei 41% mehr als drei Episoden hatten. Antizipierende Opiatgabe 1h vor der Extubation war mit geringerem Risiko verbunden, während längere Intensivaufenthalte, ein niedriger Bewusstseinsgrad und bereits präexistente Symptome das Risiko für Belastungsepisoden erhöhten. Fehnel et all (2025) aus den USA
Pflegewissenschaft: Eine Befragung an deutschen Hochschul- und Universitätskliniken zeigt einen leichten Anstieg akademisch qualifizierter Pflegefachpersonen seit 2018 von 2,9% auf 3,9% in 2024, macht aber deutlich, dass deren Anteil insbesondere in der direkten Patientenversorgung weiterhin sehr niedrig ist und klare Strukturen, Stellenbeschreibungen sowie Fördermaßnahmen notwendig sind, um ihr Potenzial besser zu nutzen. Pinnekamp et al (2025)
Pflege in den Medien: In einer Inhaltsanalyse von 272 Zeitungsartikeln aus fünf niederländischen Tageszeitungen (2019–2022) zeigte sich, dass Pflegefachpersonen insbesondere in Politik-, Finanz- und Innovationsberichterstattung stark unterrepräsentiert waren, während vor allem männliche Führungskräfte als Quellen zitiert wurden. Die Ergebnisse verdeutlichen den Bedarf an systemischen Veränderungen und Medientrainings, um die Expertise von Pflegefachpersonen sichtbarer in gesundheits¬politischen Diskussionen einzubringen. Wijk et al (2025)
Gesundheitliche Ungleichheit: In einer kritischen ethnografischen Studie mit über 300 Stunden Feldbeobachtung und 17 Interviews in westiranischen Intensivstationen wurden politische, soziale und kulturelle Machtstrukturen, individuelle Diversität, organisatorische Defizite sowie Abweichungen von professionellem Verhalten als Faktoren identifiziert, die gesundheitliche Ungleichheiten prägen. Die Ergebnisse betonen die Notwendigkeit von Bewusstsein, Selbstreflexion und kultureller Kompetenz, um Disparitäten in der Intensivversorgung zu reduzieren. Yarahmadi et al (2024)
Statistik: eine Anleitung zur Berechnung der minimalen Anzahl von Personen in Pilotstudien. Ying et al (2025)
APA Delir: die American Psychiatric Association hat eine neue Leitlinie zum Delir herausgebracht
Pflegewissenschaft: Das Statement des VPU fasst aktuelle nationale Positionen und Strategien zur Stärkung und nachhaltigen Verankerung der Pflegewissenschaft an Universitätskliniken zusammen und zeigt in fünf Handlungsfeldern Wege auf, wie Versorgungsqualität, Forschung und Karriereentwicklung gezielt gefördert werden können.
LEITLINIEN
Beatmung: S3 Leitlinie invasive Beatmung und extrakorporale Verfahren bei akuter respiratorischer Insuffizienz
Blutdruck: Leitlinie zum Prävention, Identifizierung und Management von Hypertonus bei Erwachsenen. Verschiedene US Gesellschaften
ESICM Volumentherapie I: Volumengabe. Arabi et al (2024)
ESICM Volumentherapie II: Volumen bei Reanimationen. Dessap et al (2025)
ESICM Volumentherapie III: Entwässerung bei De-Eskalation. Ostermann et al (2025)
Palliative Versorgung: Sektion Ethik der DIVI und Dts. Gesellschaft für Palliativmedizin zu Therapiemaßnahmen, zum Sterben und als Zusammenfassung
Was wir nicht erwähnt haben: zugegeben, die Auswahl der hier berichteten Studien ist willkürlich und interessiert Euch hoffentlich. Dennoch gibt es in jedem Newsletter Studien, die wir bewusst nicht erwähnen, weil sie u.a. im Volltext in uns fremden Sprachen, in umstrittenen Fake-Science-Verlagen, mit fragwürdigen Methoden, Ergebnissen oder Schlussfolgerungen oder aus ähnlichen Gründen publiziert worden sind.
Aber auch wir lesen nicht alles: sollten wir eine erwähnenswerte Studie übersehen haben, so sind wir dankbar für einen Hinweis!
Bleibt in Bewegung und bleibt gesund Im Namen der DIVI Sektion Intensivmedizinische Frührehabilitation grüßen Peter Nydahl, Sabrina Eggmann, Marina Ufelmann & Maria Brauchle
PD. Dr. Peter Nydahl, GKP, BScN MScN, Pflegeforschung und -entwicklung, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Kiel, Deutschland Dr. Sabrina Eggmann, Physiotherapeutin, MSc, Institut für Physiotherapie, Inselspital, Universitätsspital Bern, Schweiz, bzw. Monash University Melbourne, Australien Marina Ufelmann, FGKP, BA, MSc ANP und stellv. Sprecherin der DIVI Sektion Intensivmedizinische Frührehabilitation, TUM Klinikum Rechts der Isar in München, Deutschland Maria Brauchle, DGKP, Landeskrankenhaus Feldkirch, Pflegeschule Feldkirch, Österreich
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