Wir senden Euch den Newsletter zur Frührehabilitation zu. Wir haben für Euch wie immer eine vielfältige Zusammenfassung von neuen Studien zur Frührehabilitation und den Newsticker zusammengestellt.
Viel Spaß beim Lesen des Newsletters! Peter, Sabrina, Marina & Maria
STUDIEN
„Er ist so viel mehr als seine Erkrankung“ – würdevolle Pflege Die Wahrung von Würde und Personenzentriertheit stellt im hoch technisierten Umfeld der Intensivstation eine besondere Herausforderung dar. Ziel der Studie war es zu prüfen, ob die Patient Dignity Question (PDQ: „was müssen wir über Sie und Ihre Familie als Person wissen, um Sie und die Familie bestmöglich versorgen zu können?“) geeignet und praktikabel ist, um die Person hinter der Erkrankung sichtbar zu machen und würdesensible Versorgung auf Intensivstationen zu fördern. Olafson et al. (2026) führten zu dieser Fragestellung eine multizentrische Mixed-Methods-Machbarkeitsstudie in vier kanadischen Intensivstationen durch. Angehörige von kritisch kranken, nicht einwilligungsfähigen Patient:innen mit hohem Sterberisiko beantworteten die PDQ, deren Zusammenfassungen am Bett oder in der Akte für das Behandlungsteam zugänglich gemacht wurden. Anschließend gaben 33 Angehörige und 36 Mitarbeitende (Pflegefachpersonen, Ärzt:innen, andere Berufsgruppen) strukturiertes und offenes Feedback. Die Ergebnisse zeigten eine sehr hohe Akzeptanz der PDQ: Angehörige bewerteten die Intervention als bedeutsam, korrekt und hilfreich (Mittelwerte 4,8–4,9/5) und erwarteten positive Effekte auf die Versorgung. Mitarbeitende berichteten über neue patientenbezogene Informationen, gesteigerte Empathie und stärkere Verbundenheit mit Patient:innen, wobei die konkrete körperliche Pflege dadurch kaum verändert wurde. Qualitativ zeigten sich drei Kernthemen: ganzheitliches Verstehen der Person, erhöhte Empathie und verbesserte Interaktion mit Familien. Limitationen bestehen in der kleinen Stichprobe, dem Fehlen einer Vergleichsgruppe und der pandemiebedingten Rekrutierung. Insgesamt belegt die Studie, dass die PDQ eine niedrigschwellige, praktikable Intervention zur Förderung würdevoller, familienzentrierter Intensivversorgung vor allem bei Patient:innen in der Langzeit- und Palliativversorgung darstellt. Für die Intensivpflege und Intensivtherapie in Deutschland unterstreicht sie die Bedeutung narrativer Ansätze zur Humanisierung der Versorgung und zur Unterstützung von Angehörigen und Behandlungsteams. Olafson K, Pirzada S, Mosienko L, et al. "He is so much more than just his illness" using the Patient Dignity Question (PDQ) to elicit personhood and enhance dignity in the intensive care unit (ICU): A feasibility study examining family and healthcare professional feedback. J Crit Care. 2025 Nov 29;92:155360. doi: 10.1016/j.jcrc.2025.155360 Link
Nach draußen gehen Therapeutische Spaziergänge außerhalb der Intensivstation stellen einen Ansatz der humanisierten Intensivpflege dar, der zunehmend an Bedeutung gewinnt. Gilgado et al (2025) aus Argentinien untersuchten die Frage, ob sogenannte „Therapeutic Walks“ bei kritisch kranken Patient:innen mit prolongiertem Krankenhausaufenthalt sicher durchführbar sind und ob sie kurzfristige psychologische Effekte haben. Eingeschlossen wurden 41 erwachsene Patient:innen mit einer ICU-Verweildauer von mindestens zehn Tagen, die klinisch stabil für eine betreute Mobilisation ins Freie waren. Die Intervention bestand aus einem einmaligen, individuell angepassten therapeutischen Spaziergang, begleitet durch ein interdisziplinäres Team. Vor und 15–30 Minuten nach dem Spaziergang wurden Stimmung, subjektiver Gesundheitszustand sowie Angst und Depressivität erhoben (u. a. HADS). 7% waren dabei non-/invasiv beatmet, in 78% war die Familie dabei, die Spaziergänge dauerten im Median 25 Minuten. Die Ergebnisse zeigten eine signifikante Verbesserung der Stimmung und des wahrgenommenen Gesundheitszustands sowie eine Reduktion von Angst- und Depressionswerten. Besonders profitierten Patient:innen mit schlechter Ausgangsstimmung (OR 1,94). Es traten keine schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse auf, lediglich wenige klinisch irrelevante Zwischenfälle. Limitationen bestehen in der kleinen Stichprobe, dem Single-Center-Design, der Convenience-Stichprobe und der sehr kurzfristigen Nachbeobachtung. Insgesamt unterstreicht die Studie das Potenzial therapeutischer Spaziergänge als sichere, niedrigschwellige Intervention zur Förderung des emotionalen Wohlbefindens und liefert wichtige Impulse für eine stärker humanisierte Intensivpflege und Intensivtherapie. Gilgado DI, Bertozzi M, Pérez J, Cardoso GP, Piaggio V, Vitale A, Accoce M, Dorado JH. Therapeutic walks beyond the ICU: a safe strategy to enhance emotional well-being in critically ill patients with prolonged hospitalization. Crit Care. 2025 Nov 18;29(1):494. Link
Outcome nach chronisch kritischer Erkrankung Überlebende einer chronischen kritischen Erkrankung zeigen häufig anhaltende funktionelle Einschränkungen weit über den Aufenthalt auf der Intensivstation hinaus. Egger et al (2025) gingen der Frage nach, wie selbstständig Patient:innen mit chronischer kritischer Erkrankung ein Jahr nach Krankheitsbeginn im Alltag sind und wie sich körperliche Aktivität, Behinderung und Versorgungssituation darstellen. Die Autor:innen führten eine prospektive Kohortenstudie in einem spezialisierten neurologischen Rehabilitationszentrum in Deutschland durch. Eingeschlossen wurden 204 erwachsene Patient:innen mit chronischer kritischer Erkrankung und mindestens fünf Tagen invasiver Beatmung, die ein Jahr nach Erkrankungsbeginn nachverfolgt wurden. Erfasst wurden Aktivitäten des täglichen Lebens (Barthel Index), instrumentelle ADL, körperliche Aktivität, Behinderung (WHODAS-12), Lebensqualität sowie Wohn-, Arbeits- und Versorgungssituation. Die Ergebnisse zeigten deutlich reduzierte funktionelle Fähigkeiten im Vergleich zum präklinischen Zustand: Rund 31% der Patient:innen waren in den ADL funktionell abhängig, etwa 64% wiesen eine moderate bis schwere Behinderung auf, und die körperliche Aktivität war signifikant vermindert. Der Großteil mit 62% war selbstständig in der Körperpflege, 36% konnten den Haushalt eigenständig führen. Critical-Illness-Polyneuropathie/Myopathie (CIP/CIM) war mit schlechteren funktionellen Ergebnissen und höherem Therapiebedarf assoziiert. Funktionelle Einschränkungen korrelierten moderat bis stark mit einer reduzierten gesundheitsbezogenen Lebensqualität. Insgesamt unterstreicht die Studie die hohe Langzeitbelastung nach chronischer kritischer Erkrankung und verdeutlicht für die Intensivpflege und Intensivtherapie in Deutschland die Bedeutung früher Prävention, strukturierter Rehabilitation und langfristiger Nachsorgekonzepte. Egger M, Finsterhölzl M, Wippenbeck F, Müller F, Jahn K, Huge V, Bergmann J. Activities of daily living, physical activity, and care situation in chronic critical illness survivors one year after disease onset: A prospective cohort study. J Crit Care. 2025 Dec 6;92:155396 Link
Tiergestützte Therapie Tiergestützte Interventionen (TGI) werden zunehmend als ergänzende, nichtpharmakologische Maßnahme zur Verbesserung des psychischen Wohlbefindens kritisch kranker Menschen auf Intensivstationen diskutiert. Die zentrale Fragestellung dieses Positionspapiers lautet, unter welchen wissenschaftlichen, hygienischen, ethischen und strukturellen Bedingungen TGI sicher und sinnvoll in die intensivmedizinische Versorgung integriert werden können. Weeverink et al. (2026) legten hierzu ein interdisziplinäres Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) vor, das auf einer narrativen Evidenzaufarbeitung basiert und internationale Studien, Leitlinien und Surveillance-Daten zusammenführt. Die Autor:innen berichten, dass TGI über neuroendokrine Mechanismen – insbesondere die Aktivierung des Oxytocinsystems und die Reduktion des Kortisolspiegels – Angst, Stress und Schmerzempfinden bei Intensivpatient:innen senken können. Einzelne Studien zeigen signifikante Angstreduktionen, ohne dass eine Zunahme nosokomialer Infektionen beobachtet wurde. Zudem werden potenzielle positive Effekte auf die Motivation zur Rehabilitation sowie auf das Wohlbefinden des Personals beschrieben. Als Limitationen benennen die Autor:innen die geringe Zahl kontrollierter Studien, kleine Stichproben, heterogene Endpunkte und das Fehlen harter klinischer Outcomes wie Mortalität oder Morbidität. Zusammenfassend formuliert das Papier erstmals systematische Empfehlungen für Deutschland, die klare Hygieneprotokolle, Risikoanalysen, Tierwohlstandards und eine multiprofessionelle Zusammenarbeit fordern. Für die Intensivpflege und Intensivtherapie in Deutschland liefert diese Arbeit eine wichtige Orientierungsgrundlage zur humanisierten, patientenzentrierten Versorgung und zur sicheren Implementierung innovativer, nichtmedikamentöser Interventionen. Für die Planung von entsprechenden Projekten soll eine Arbeitsgruppe gebildet werden. Weeverink et al. (2026) Link
NEWSTICKER Interessante Studien, für Dich kurz zusammengefasst…
REHABILITATION
Eiweiß zum Training? Bei 50 chirurgischen Intensivpatient:innen führte eine kombinierte Intervention aus intravenöser Bolus-Aminosäurensupplementierung und täglicher Mobilisation (Cycle Ergometry) im Vergleich zur Standardversorgung nicht zu einer Reduktion des frühen Muskelverlusts (Biopsie -12%, Ultraschall -13%; jeweils signifikanter Zeiteffekt, keine Gruppenunterschiede) und zeigte keine Vorteile für Muskelqualität, Muskelkraft oder körperliche Leistungsfähigkeit, trotz höherer Proteinzufuhr in der Interventionsgruppe (1,57 vs. 1,23 g/kg/Tag). RCT von Veldsman et al (2026) aus Südafrika Link
Mobi vs Oszillation vs Atemübungen: Physiotherapeutische Interventionen bei 102 Intensivpatient:innen mit bilateraler Pneumonie zeigten in einer randomisierten Studie, dass frühe Mobilisation und die Kombination aus Thoraxwandoszillation und Atemübungen im Vergleich zur alleinigen Thoraxwandoszillation die Oxygenierung und Sekretmobilisation signifikant verbesserten, wobei die frühe Mobilisation die stärkste Reduktion des FiO₂-Bedarfs erreichte und alle Verfahren hämodynamisch gut verträglich waren. Kubilius et al. (2026) aus Litauen Link
Dosierung: Individualisierte Rehabilitationsdosis bei 422 mechanisch beatmeten Intensivpatient:innen war je nach Alters- und Frailty-Gruppe unterschiedlich mit funktioneller Selbstständigkeit bei Entlassung assoziiert, wobei eine höhere Gesamtdosis konsistent günstig wirkte (OR 1,07–1,14), während Intensität und frühe Mobilisation vor allem bei nicht-frailen Älteren und Jüngeren relevant waren und Dauer sowie Frequenz bei frailen Älteren (OR Frequenz 1,82). Multizentrische prospektive Beobachtungsstudie von Watanabe et al. (2025) aus Japan Link
Zielgerichtete Mobilisierung: Frühe zielgerichtete Mobilisation bei 64 mechanisch beatmeten Intensivpatient:innen verbesserte im Vergleich zur konventionellen Frühmobilisation die Mobilitätskapazität signifikant (MRC 37,67 ± 10,00 vs. 29,67 ± 8,84; p < 0,001) und verkürzte sowohl die Beatmungsdauer (6,19 ± 3,03 vs. 9,64 ± 3,05 Tage; p < 0,001) als auch die ICU-Verweildauer (p < 0,001), bei insgesamt besseren klinischen Outcomes. Prospektive Interventionsstudie von Zhang et al. (2025) aus China Link
Neuropädiatrie: Frühe protokollbasierte Rehabilitation bei 196 pädiatrischen neurokritisch erkrankten Intensivpatient:innen verbesserte im Vergleich zur Standardversorgung nach 24 Wochen die funktionellen Outcomes signifikant (PCPC-Score-Differenz 0,133; 95%KI 0,055–0,205; p<0,001) und führte zu besseren Ergebnissen in Adaptationsfähigkeit, Verhalten, Schlaf, Lebensqualität sowie familiärer Funktion (alle p<0,001). RCT von Elwadhi et al. (2025) aus Indien Link
Mobi & Eltern: Frühe Mobilisation auf der pädiatrischen Intensivstation zeigte bei 90 Eltern (45 vor vs. 45 nach Implementierung) keinen signifikanten Effekt auf elterliche psychische Gesundheit, jedoch Trends zu geringerer subjektiver Belastung (2,2 vs. 4,0; p = 0,08) und niedrigeren Depressionswerten bei Vätern (8,5 vs. 9,5; p = 0,07) 3–6 Monate nach PICU-Aufenthalt. Pilotstudie von Munckhof et al. (2024) aus den Niederlanden Link
Intensivtagebücher: in dem Editorial zu Rose’s Tagebuch-Studie (link https://doi.org/10.1016/j.iccn.2025.104266) wird die Entwicklung der Intensivtagebücher von den ersten Notizen und Fotos bis zu KI-generierten Tagebüchern beschrieben. Peschel et al (2026) Link
DELIR
FIDDI: das Family ICU Delirium Detection Instrument (FIDDI), basierend auf dem Sour Seven, wurde in 51 Patient:innen-Angehörigen-Paaren getestet und zeigte gute Reliabilität und Validität für die Erkennung von Delirium bei Intensivpatient:innen. Krewulak et al (2026) Link
Soziale Ungleichheit: Soziale und wohnortbezogene Benachteiligung war bei 1.264 Kindern mit 1.547 PICU-Aufnahmen mit einer höheren Delirhäufigkeit assoziiert, wobei Delir bei 193 Patient:innen auftrat und insbesondere Kinder aus sozial benachteiligten Wohngegenden (18% vs. 11%), mit öffentlicher Versicherung sowie aus bestimmten ethnischen Gruppen ein deutlich erhöhtes Risiko zeigten (adjustierte Odds Ratio 1,55; 95%CI 1,05-2,3). Sekundäranalyse einer Beobachtungsstudie von Madden et al. (2025) aus den USA Link
Erleben von Familien: Die Erfahrungen von Angehörigen mit Delir im Akutkrankenhaus wurden in 17 Studien zusammengefasst und zeigten vor allem ein geringes Wissen über Delir, einen hohen Informations- und Kommunikationsbedarf, eine starke emotionale Belastung sowie den Wunsch der Familien, aktiv an der Versorgung beteiligt zu sein. Scoping Review von Mclean et al. (2025) Link
Geriatrie: Eine Delirprävalenz und -erfassung in der Langzeitpflege zeigten in 94 internationalen Erhebungen aus Rehabilitationskliniken und Pflegeheimen eine Punktprävalenz von etwa 12%, mit höheren Raten in Rehabilitationseinrichtungen sowie deutliche Unterschiede in Assessmenthäufigkeit, beteiligtem Personal und Awareness-Maßnahmen trotz überwiegend eingesetzter validierter Screening-Instrumente. Orgango et al (2025) Link
KI: Eine KI-gestützte Kommunikation in der Intensivmedizin zeigte in 16 Studien zwischen 2015 und 2025 relevante Vorteile für Delirprävention, frühzeitige Delirerkennung und patienten- sowie familienzentrierte Versorgung, indem multimodale KI-Systeme Kommunikationsbarrieren reduzierten und potenziell Delirdauer, Antipsychotikagebrauch, kognitive Langzeitfolgen und Gesundheitskosten senkten. Pandian et al. (2026) Link
Pharmakologische Behandlung: In 56 systematischen Reviews (17 mit Outcome-Mapping) zeigte die Evidenz zu pharmakologischen Interventionen zur Prävention und Behandlung des ICU-Delirs, dass α2-Adrenozeptor-Agonisten (v. a. Dexmedetomidin) im Vergleich zu Placebo wahrscheinlich die Delirinzidenz reduzieren und die ICU-/Krankenhausverweildauer verkürzen (moderate bis hohe Evidenz), ohne konsistenten Effekt auf ICU- oder Krankenhausmortalität, während für andere Substanzen die Evidenz uneinheitlich oder sehr unsicher war. Jones et al. (2025) Link
Paracetamol: Bei 164 nicht-kardiochirurgischen Intensivpatient:innen ≥65 Jahre zeigte der Vergleich von oraler Paracetamolgabe (500 mg alle 8 h) versus intravenösem Sufentanil in den ersten 48 h nach ICU-Aufnahme keine Reduktion der postoperativen Delirinzidenz (11,0% vs. 17,1%; RR 0,6; 95%KI 0,3–1,4; p=0,262) und keine Unterschiede in sekundären Outcomes wie Schmerz, Aufenthaltsdauer oder Mortalität. RCT von Zhang et al (2026) aus China Link
FAMILIENINTEGRATION:
Implementierung: bei der Implementierung der angehörigenfreundlichen Intensivstation können mitunter Barrieren auftreten. In einem Beitrag werden beispielhaft Strategien zur Implementierung, Planung und Umsetzung der angehörigenfreundlichen Intensivstation vorgestellt. Nydahl et al. (2026) Link
Virtuelle Angehörigenbeteiligung bei ICU-Visiten: In dieser kanadischen multizentrischen Pilotstudie wurde untersucht, ob die virtuelle Teilnahme von Angehörigen an interprofessionellen ICU-Visiten praktikabel ist und wie sie sich auf Angehörigenerleben auswirkt. Insgesamt nahmen 72 Angehörige aus fünf Erwachsenen-ICUs virtuell an Visiten teil. Die Machbarkeitskriterien wurden klar erfüllt: Die Teilnahmequote lag bei 86 %, technische Probleme traten nur selten auf, und die Nachbefragungsrate betrug knapp 78 %. Zudem zeigte sich ein signifikanter Anstieg der wahrgenommenen Angehörigenbeteiligung (FAME-Skala), insbesondere in den Bereichen Einbindung und family-centered care. Die Zufriedenheit mit der Versorgung war insgesamt hoch. Gleichzeitig berichteten jedoch weiterhin viele Angehörige über Angst- (43 %) und Depressionssymptome (23 %). Fazit: Virtuelle Visiten sind im ICU-Alltag gut umsetzbar und können die Angehörigenbeteiligung stärken. Die Ergebnisse sprechen für eine weiterführende randomisierte Studie zur Wirksamkeit auf Outcomes von Angehörigen und Versorgungsprozesse. Beydoun et al., 2026. Link
Was zählt wirklich? Patient:innen- und familienzentrierte ICU-Interventionen: Diese niederländische Delphi-Studie untersuchte, welche patient:innen- und familienzentrierten Interventionen auf Intensivstationen als besonders wichtig und gleichzeitig praktikabel gelten. Beteiligt waren Pflegekräfte, Ärzt:innen, ehemalige ICU-Patient:innen und Angehörige. In einem vierstufigen Delphi-Prozess wurden 35 Interventionen identifiziert, von denen 31 als sowohl wichtig als auch umsetzbar bewertet wurden. Die Top-5-Interventionen fokussieren sich klar auf Kommunikation und psychosoziale Unterstützung: • Regelmäßige strukturierte Gespräche mit Patient:innen und Angehörigen zu Zustand, Zielen und Therapie • Führen eines ICU-Tagebuchs • Angebot psychologischer Unterstützung • Individuell angepasste Tagesstruktur • Verlässliche, kontinuierliche Information einer festen Kontaktperson Bemerkenswert: Die Anwesenheit von Angehörigen bei ärztlichen Visiten wurde von den Teilnehmenden als unsicher hinsichtlich Wichtigkeit und Umsetzbarkeit eingeschätzt – im Gegensatz zu vielen bisherigen Empfehlungen. Fazit: Die Studie liefert eine klar priorisierte, praxisnahe Orientierung, welche PFCC-Maßnahmen den größten Mehrwert haben und realistisch implementierbar sind – mit einem deutlichen Schwerpunkt auf strukturierter Kommunikation und emotionaler Unterstützung. Tilburgs et al., 2026 Link
Angehörigenbeteiligung aus Sicht der Patient:innen: Diese qualitative Studie aus China beleuchtet erstmals vertieft die Erfahrungen von ICU-Patient:innen selbst zur Einbindung ihrer Angehörigen in die Pflege. In halbstrukturierten Interviews mit 16 ehemaligen Intensivpatient:innen wurden vier zentrale Themen identifiziert. Patient:innen beschrieben Angehörigenbeteiligung als ein emotionales Spannungsfeld: Einerseits vermittelt die Anwesenheit von Familie Sicherheit, Hoffnung und emotionale Unterstützung, die durch Fachpersonal nicht ersetzbar ist. Andererseits kann sie Schuldgefühle, Sorgen und emotionale Belastung auslösen – insbesondere, wenn Angehörige sichtbar erschöpft oder stark emotional betroffen sind. Zugleich erleben Patient:innen ihre Angehörigen als wichtige Brücke in Kommunikation und Therapie. Familien helfen, medizinische Informationen zu verstehen, Entscheidungen mitzutragen und organisatorische Abläufe sicherzustellen. Dies vermittelt Patient:innen Orientierung und Kontrolle in einer hochkomplexen Situation. Ein zentrales Anliegen der Befragten ist der Wunsch nach klarer Anleitung, Supervision und Abgrenzung: Angehörige sollen beteiligt sein, jedoch vor allem bei einfachen, nicht-technischen Tätigkeiten. Patient:innen erwarten von Pflegenden und Ärzt:innen klare Vorgaben, Schulung und professionelle Begleitung der Angehörigen, um Sicherheit zu gewährleisten. Gleichzeitig zeigen sich stark individuelle Bedürfnisse: Während manche Patient:innen mehr Nähe und häufigere Besuche wünschen, bevorzugen andere bewusst Distanz oder möchten Angehörige nicht bei belastenden Pflegesituationen oder Eingriffen dabeihaben. Fazit: Angehörigenbeteiligung wird von Patient:innen grundsätzlich als wertvoll erlebt – sie braucht jedoch klare Rahmenbedingungen, professionelle Anleitung und eine konsequent individuelle Ausrichtung. Die Studie unterstreicht die Bedeutung verbindlicher Standards für Angehörigenintegration bei gleichzeitiger Wahrung patientenzentrierter Autonomie. Gong & Hong, 2026 Link
OUTCOME
PICS: in dem Umbrella Review zu Interventionen zur Vermeidung von PICS mit 9 systematischen Übersichtsarbeiten, 112 RCTs und 19.996 Überlebenden zeigte sich Vorteile für Frühmobilisierung, Nachsorgeuntersuchungen, Intensivtagebücher, Rehabilitationsübungen und pflegegeleitete Interventionen (bei geringer bis sehr geringer Sicherheit). Cai et al (2026) Link
Überleben: Bei 1.400 von 1.548 Intensivüberlebenden waren der stärkste Prädiktor der 1-Jahres-Mortalität nach ICU-Entlassung präexistente chronische Erkrankungen, wobei der Charlson Comorbidity Index die Prognose zu Tag 7 (AUC 0,70), nach 3 Wochen (AUC 0,75) und über ein Jahr hinweg besser vorhersagte als SAPS-II (AUC 0,63) und SOFA (AUC 0,61). Post-hoc-Analyse einer prospektiven multizentrischen Beobachtungsstudie von FROG-ICU Investigators Blet et al. (2025) Frankreich Link
Pflegepersonalmangel wurde im Vereinigten Königreich anhand von Routinedaten aus 2017 analysiert (52 allgemeine Stationen, 4.484 Pflegefachpersonen in 294.000 Schichten, 44.485 Patient:innen) und zeigte, dass das Fehlen einer akademisch qualifizierten Pflegefachperson auf einer durchschnittlichen Station die Sterbewahrscheinlichkeit von Patient:innen um etwa 10% erhöht, während zusätzliche stationsspezifische Erfahrung qualifizierter Pflegefachpersonen das Sterberisiko um 8% senkt, besonders bei weniger schwer erkrankten Patient:innen und bei Sepsis. Ökonometrische Beobachtungsstudie von Kelly et al. (2026) Link
ICUAW & Kinder: Diese systematische Übersichtsarbeit fand eine 10% Abnahme der Muskelmasse von kritisch kranken Kindern in der ersten Woche nach Aufnahme auf die pädiatrische Intensivstation (PICU). Insgesamt erlitten die Hälfte der Kinder während ihres PICU Aufenthalts einen Muskelmasseverlust von >10 % erlitt. Stacey et al. (2025). Link
Isolation: in einer landesweiten Untersuchung mit 517.917 Überlebenden von Intensivbehandlungen war die Aufnahme in einem Isolationszimmer im vgl. zu anderen Räumen mit einer geringen, aber signifikanten Assoziation für Langzeiteffekte bzgl. Depression (OR, 1.06; 95%CI, 1.03-1.10), aber nicht PTBS oder Angst verbunden. Song et al (2026) aus Korea Link
App für PICS: Perspektiven von 106 Intensivüberlebenden aus vier europäischen Ländern zu digitalen Post-ICU-Unterstützungsangeboten zeigten drei zentrale Faktoren (Wahrnehmung, Zugänglichkeit, Offenheit) ohne signifikante Unterschiede zwischen Ländern oder demografischen Gruppen, was auf ein länderübergreifend hohes Potenzial personalisierter digitaler Interventionen hinweist. Querschnittsstudie von van Olst et al. (2026) aus Kroatien, Deutschland, Niederlande, Vereinigtes Königreich Link
GEMISCHTES
Citrat: Regional Citrat-Anticoagulation bei kontinuierlicher Nierenersatztherapie ist mit einer Citrat-Akkumulation bei etwa 3% der behandelten Patient:innen assoziiert, die sich insbesondere durch hämodynamische Instabilität, Hypokalzämie, metabolische Azidose und eine erhöhte tCa/iCa-Ratio manifestiert. Bidar schlagen einen vierstufigen „Citrate Challenge“-Algorithmus mit engmaschigem Monitoring und definierten Schwellenwerten (u. a. Laktat >10 mmol/L, pH <7,15, tCa/iCa > 2,5) vor. Bidar et al (2025) Link
PEEP: Was PEEP neben einem verbesserten Gasaustausch sonst noch so macht. Lesenswerter Beitrag von Menga et al (2026) Link
TK-Pflege: Handlungsalgorithmus Tracheostoma- und Kanülenversorgung bei kritisch Kranken Personen. Krüger et al (2025) Link
Frühwarnsysteme: Frühwarnsysteme ermöglichen eine frühzeitige Erkennung klinischer Verschlechterungen bei stationären Patient*innen durch eine systematische Erfassung von Vitalparametern. So können zeitnah geeignete Maßnahmen eingeleitet werden, z. B. die Aktivierung eines Medical Emergency Teams (MET). Eine digitale Integration in klinische Informationssysteme und regelmäßige Schulungen des medizinischen Personals sind dabei entscheidende Faktoren. Übersichtsartikel von Ko et al. (2025) Link
Gewalt: Gewalt im Gesundheitswesen ist häufig, betrifft besonders Akutbereiche wie Notfall- und Intensivstationen, umfasst nicht nur körperliche, sondern auch psychische, verbale und sexuelle Formen und hat gravierende Folgen, weshalb dieser Beitrag Häufigkeit, Ursachen, Risiken, rechtliche Aspekte und Präventionsmaßnahmen beleuchtet. Schmidt et al. (2026) Link
Gewalt II: immer mehr Mitarbeitende müssen lernen, mit Gewalt im Beruf umzugehen. Virtuelle-Reality-Simulation zur Kompetenzentwicklung im Umgang mit gewalttätigem und bedrohlichem Verhalten wurde von 25 Stationspflegefachpersonen als förderlich für relationale Kommunikation, Risikoeinschätzung und praxisnahe Vorbereitung wahrgenommen, insbesondere als ergänzende Methode zu bestehenden Lernformaten, trotz benannter Barrieren und Erfolgsfaktoren. Qualitative Fokusgruppenstudie von Hoff et al. (2026) aus Norwegen Link
Hirnfunktionen: Die Einteilung der Großhirnrinde in klar abgegrenzte Hirnareale wird in dieser Arbeit grundsätzlich infrage gestellt, da neuroanatomische und elektrophysiologische Befunde zeigen, dass viele kognitive Funktionen nicht einzelnen Arealen zuzuordnen sind, sondern über verteilte Netzwerke, funktionelle Gradienten und andere Organisationsprinzipien im Gehirn umgesetzt werden. Konzeptioneller Übersichtsartikel von Hayden et al (2025) Link
Ungleichheiten: Forschungsprioritäten zur Verringerung rassischer und ethnischer Ungleichheiten in der US-Intensivmedizin wurden von 22 Expert:innen definiert, die 35 zentrale Ansatzpunkte identifizierten und insbesondere gemeinsame Studien mehrerer Kliniken, die stärkere Einbeziehung von Patient:innen und Angehörigen, interdisziplinäre Forschungsteams sowie qualitätsverbessernde Kooperationen als besonders wirksam und gut umsetzbar (>85 % Zustimmung) bewerteten. Hausschildt et al (2025) aus den USA Link
LEITLINIEN / POSITIONSPAPIERE
S3-Leitlinie Beatmung: Integration in die Fachweiterbildung Intensivpflege. Köppen et al (2026) Link
Palliativversorgung: DIVI Sektion Ethik & DG Palliativmedizin: Therapiemaßnahmen und Begleitung am Lebensende Link
Gewalt Notaufnahme/Intensiv: Positionspaper der DGIIN Gewalt gegen medizinisches Personal Link
Was wir nicht erwähnt haben: zugegeben, die Auswahl der hier berichteten Studien ist willkürlich und interessiert Euch hoffentlich. Dennoch gibt es in jedem Newsletter Studien, die wir bewusst nicht erwähnen, weil sie u.a. im Volltext in uns fremden Sprachen, in umstrittenen Fake-Science-Verlagen, mit fragwürdigen Methoden, Ergebnissen oder Schlussfolgerungen oder aus ähnlichen Gründen publiziert worden sind. Aber auch wir lesen nicht alles: sollten wir eine erwähnenswerte Studie übersehen haben, so sind wir dankbar für einen Hinweis!
Bleibt in Bewegung und bleibt gesund Im Namen der DIVI Sektion Intensivmedizinische Frührehabilitation grüßen
Peter Nydahl, Sabrina Eggmann, Marina Ufelmann & Maria Brauchle
PD. Dr. Peter Nydahl, GKP, BScN MScN, Pflegeforschung und -entwicklung, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Kiel, Deutschland Dr. Sabrina Eggmann, Physiotherapeutin, MSc, Institut für Physiotherapie, Inselspital, Universitätsspital Bern, Schweiz, bzw. Monash University Melbourne, Australien Marina Ufelmann, GKP, BScN, MScN, ANP und stellv. Sprecherin der DIVI Sektion Intensivmedizinische Frührehabilitation, Klinikum rechts der Isar in München, Deutschland Maria Brauchle, DGKP, Landeskrankenhaus Feldkirch, Pflegeschule Feldkirch, Österreich
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