Wir hoffen, dass es Euch allen gut geht. Wir haben für Euch wie immer eine vielfältige Zusammenfassung von neuen Studien zur Frührehabilitation und den Newsticker zusammengestellt.
Viel Spaß beim Lesen des Newsletters! Maria, Marina, Sabrina & Peter
STUDIEN
Haupt-Outcome Messungen (Core Outcome Set) für Physiotherapeut:innen im Akutspital Die objektive Untersuchung standardisierter Tests verbessert die Fähigkeit, Veränderungen im Laufe der Zeit zu bewerten und zu überwachen (Veränderungen durch Krankheiten oder Behandlungen), und unterstützt eine bessere Prognose Die Umsetzung von standardisierten Assessment in Praxis und Forschung hat direkte Auswirkungen auf die Gesundheitsversorgung, einschließlich einer verbesserten Kommunikation zwischen Patient:innen und dem medizinischen Fachpersonal sowie zwischen dem interprofessionellen Behandlungsteam. Zu diesem Zweck identifizierte diese methodologisch sehr gute Guideline die wichtigsten Assessments für Physiotherapeut:innen im Akutspital. Nach einem systematischen Review, wurden insgesamt 34 Assessments im ICF-Bereich «Aktivität» also der Ausübung körperlicher Funktionen, wie Bettmobilität, Transfer- und Gehfähigkeit untersucht. Nach gründlicher Prüfung der Gütekriterien und Studienqualität, werden drei Core Outcome Instrumente fürs Akutspital empfohlen (schöne graphische Zusammenfassung im Artikel: Figure 3, Seite 9). Diese drei Assessments sind:
1. DEMMI oder AM-PAC 2. 4m Gait Speed 3. Johns Hopkins Highest Level of Mobility oder ICU mobility scale
Ergänzende Assessments sind der 6-Minuten Gehtest, 30s-sit-to-stand test, Short Physical Performance Battery (SPPB), und der Timed “Up & Go” Test. Auf der Intensivstation sollen entweder das CPAx, der FSS-ICU oder der PFITs gebraucht werden. Eine große Limitation für den deutschsprachigen Raum ist, dass nur Studien berücksichtigt wurden, welche in englischsprachigen Ländern durchgeführt wurden. Zudem waren alle Autor:innen aus der USA. Dies beschränkt natürlich die Resultate stark auf die USA. Trotzdem zeigt die Studie einen guten Überblick über die Validität, Reliabilität und Responsiveness von wichtigen Assessments im Akutspital. Zumindest eine Mobilitätsskala sollte standardmäßig durchgeführt werden, um die Qualität zu erfassen (und vor allem Immobilität zu vermeiden). Oder wie die Autor:innen schreiben: Eine einheitliche Sprache zur Beschreibung der körperlichen Funktionen und Mobilität während eines Krankenhausaufenthalts könnte den anhaltenden und weit verbreiteten Funktionsverlust verhindern, den Patient:innen aller Altersgruppen im Krankenhaus erleben.
Lagerungstherapie und (Früh-)Mobilisation Frühmobilisation und gezielte Lagerung sind zentrale Bausteine der Intensivtherapie, um Komplikationen zu vermeiden und die Genesung kritisch kranker Patient:innen zu fördern. Ziel der Übersichtsarbeit war es, die aktuellen Empfehlungen der 2023 aktualisierten S3-Leitlinie darzustellen. Warner et al. (2025) fassten hierzu die aktuelle Leitlinie zusammen, die auf einer systematischen Literaturrecherche und evidenzbasierten Leitlinienbewertungen nach dem Oxford-System beruht. Die Leitlinie empfiehlt, Patient:innen innerhalb von 72 h nach Intensivstationsaufnahme zu mobilisieren, sofern eine ausreichende kardiorespiratorische Reserve vorliegt, und beschreibt hierfür Sicherheitskriterien, praktische Abläufe, den Einsatz von Hilfsmitteln sowie die Einbindung in interprofessionelle Maßnahmenbündel. Lagerungsstrategien wie Oberkörperhochlagerung, Seitenlagerung („good lung down“) oder Bauchlagerung bei ARDS werden mit ihren Indikationen, Vorteilen und potenziellen Risiken dargestellt. Neu aufgenommen wurden Kapitel zu Hilfsmitteln und neuromuskulärer Elektrostimulation. Limitationen bestehen in der fehlenden Evidenz zu optimaler Intensität und Dauer der Mobilisation sowie zur Wirksamkeit bestimmter Hilfsmittel. Offene Forschungsfragen betreffen u. a. die patientenindividuelle Dosierung und den Nutzen innovativer Technologien. Die Autor:innen schließen, dass strukturierte, evidenzbasierte Mobilisations- und Lagerungskonzepte die klinischen Ergebnisse verbessern können. Für die Intensivmedizin in Deutschland unterstreicht die Arbeit die Notwendigkeit klarer Protokolle und ausreichender Ressourcen zur Umsetzung dieser Maßnahmen. Ein sehr gelungener CNE-Artikel! Warner, L.O., Fonseca Höflinger, L.C., Schaller, S.J. Hermes C. Lagerungstherapie und (Früh)-Mobilisation auf Intensivstationen. Med Klin Intensivmed Notfmed (2025). Link
Agitation Agitation ist ein häufiges und herausforderndes Problem auf Intensivstationen, das sowohl die Patientensicherheit als auch die Genesung beeinträchtigen kann. Ziel der vorliegenden Arbeit war es, evidenzbasierte, nicht-pharmakologische Empfehlungen zur Prävention und Behandlung von Agitation bei kritisch kranken Erwachsenen zu entwickeln. Adams et al. (2025) haben hierzu im Rahmen des CALM-ICU-Projekts ein internationales, mehrstufiges Konsensusverfahren mit Expert:innen aus Intensivmedizin, Pflege, Therapie, Forschung sowie Patient:innen- und Angehörigenvertretungen durchgeführt. Grundlage bildeten systematische Literaturrecherchen, bestehende Leitlinien, qualitative Studien zu Patient:innenperspektiven und ein strukturierter Delphi-Prozess. Die 63 finalen Empfehlungen decken neun Themenfelder ab, darunter Grundprinzipien der Betreuung, standardisierte Agitationsassessmentverfahren, Ursachenidentifikation und -behandlung, deeskalierende Kommunikationsstrategien, aktive Einbindung von Angehörigen, Berücksichtigung psychosozialer und körperlicher Bedürfnisse, individualisierte Versorgung sowie interventionsbezogene Kontextfaktoren. Empfohlen wird u. a. ein frühzeitiges, interprofessionelles Vorgehen, die Priorisierung nicht-pharmakologischer Maßnahmen und die Minimierung von Zwangsmaßnahmen. Offene Forschungsfragen betreffen die Wirksamkeit einzelner Interventionen, die optimale Umsetzung im klinischen Alltag sowie länderspezifische Anpassungen. Für die Intensivmedizin in Deutschland liefern diese Empfehlungen einen strukturierten, praxisnahen Handlungsrahmen, um Agitation sicher und patientenzentriert zu managen und dabei sowohl klinische Ergebnisse als auch das Erleben der Patient:innen zu verbessern. Adams AMN, Chamberlain D, Thorup CB, Grønkjær M, Rouke S, Conroy T. CALM ICU guidelines: Preliminary guidelines on non-pharmacological strategies for agitation in the ICU - A Delphi study. Intensive Crit Care Nurs. 2025 Oct;90:104135. Link
NEWSTICKER Interessante Studien, für Dich kurz zusammengefasst…
REHABILITATION
Assistent:innen: Eine kleine, multizentrische Machbarkeitsstudie untersuchte die Einführung einer protokollierten Frührehabilitation durch Physiotherapie-Assistent:innen im Vergleich zur üblichen Versorgung von mechanisch beatmeten Intensivpatient:innen. Die Assistent:innen führten in erster Linie Übungen im Bett durch und unterstützten erfahrene Physiotherapeut:innen und eine Pflegefachperson bei höheren Mobilisierungsgraden. Es wurden zwei unerwünschte Ereignisse (<0,7% aller Sitzungen) gemeldet (ventrikuläre Tachykardie und Hautabschürfungen beim Bettfahrradfahren). Die zusätzlichen Assistent:innen verdoppelten die Interventionszeit (übliche Therapie 23 Minuten versus 45 Minuten), ohne Sicherheitsbedenken. Ein interessantes Konzept, das in Zukunft auch auf Deutschsprachigen Intensivstationen benötigt werden könnte (aufgrund des Personalmangels). Cusack et al. (2025). Link.
Robotik: In einer randomisierten Pilotstudie in fünf chirurgischen ICUs führte der Einsatz eines KI-gestützten robotischen Mobilisationssystems bei 20 beatmeten Patient:innen zwar nicht zu einer Reduktion des Personalbedarfs, erhöhte jedoch deutlich Dauer (41 vs 19 Min) und Häufigkeit (2 vs 0.9 tgl.) der Mobilisation. Zudem zeigte sich ein signifikanter Rückgang der IL-6-Werte im Vergleich zur Standardversorgung. Lorenz et al. (2025) aus Berlin Link
Chirurgie: Frühmobilisation nach chirurgischem Baucheingriff, gesteuert mit der IMS, führte in dieser kleinen, randomisierten Studie (n=30) zu einer Verbesserung des Mobilitätslevels am 1. Post-OP Tag (Dauer 105 vs 26 Minuten; IMS 7 vs 2). Silva et al. aus Brasilien (2025) Link
Cycling : in einer Meta-Analyse mit 22 RCT guter Qualität mit 3.052 Intensivpatient :innen zeigte sich Cycling im Bett vs üblicher Versorgung oder anderen Interventionen als effektiv im Hinblick auf die Verweildauer auf Intensivstation (- 1,7 Tage), Beatmungstage (- 0,5 Tage) und funktionalem Status. Es konnten keine Unterschiede bzgl. Mortalität, ICUAW oder Lebensqualität festgestellt werden. Pazo-Palacios et al (2025) Link
Mobilitätslevel: Eine retrospektive Analyse von 355 Patient:innen (≥5 Tage auf einer allgemeinen Intensivstation), fand ein hohes Risiko für ein eingeschränktes Mobilitätslevel (weniger als ein Transfer in den Stuhl via Schrittchen) bei Intensivstationsaustritt für Patient:innen mit einer intensivstationserworbene Muskelschwäche (ICUAW). Die Autor:innen schlagen entsprechend vor, Patient:innen mit einer ICUAW prioritär zu behandeln. Haylett et al. aus der UK (2025). Link
Weaning: in einem Cochrane-Review mit 62 Studien und über 5.000 Erwachsenen und Kindern wiesen mit moderater Gewissheit automatisierte vs. nicht-automatisierte Waeningprogramme eine reduzierte Dauer der Beatmung auf. Rose et al (2025) Link
Weaning II: Der Einsatz von Zwerchfell-Ultraschall zusätzlich zu den üblichen klinischen Kriterien zur Extubationsentscheidung senkte in dieser systematischen Übersichtsarbeit mit 6 RCT das Risiko einer Reintubation innerhalb von 48 Stunden signifikant und verkürzte in einer Studie die Aufenthaltsdauer auf der Intensivstation. Für andere Endpunkte wie Beatmungsdauer oder Reintubation nach 48 Stunden zeigten sich keine signifikanten Unterschiede. Tashiro et al (2025) Link
Intensivtagebücher: Die Studie analysierte 30 Intensivtagebücher und identifizierte drei Hauptthemen: Verbindung (zwischen Personal, Patient:innen und Familien), Informationsvermittlung und Bewältigung (Emotionen, Humor, Spiritualität). Die Ergebnisse zeigen, wie Tagebücher im klinischen Alltag von Personal und Angehörigen genutzt werden, um den Krankheitsverlauf zu dokumentieren, Nähe zu schaffen und den Umgang mit der Situation zu unterstützen, und liefern wichtige Hinweise für die zukünftige Implementierung solcher Programme. Kredentser et al (2025) aus Kanada Link
Intensivtagebücher II: Die Studie entwickelte mit dem Implementation-Mapping-Framework einen theoriegestützten, schrittweisen Leitfaden zur Einführung digitaler Intensivtagebücher, der 23 Förderfaktoren und 40 Barrieren berücksichtigt. Das Ergebnis ist ein anpassbares Konzept mit klar definierten Zielen, Methoden und Maßnahmen, um Akzeptanz, Umsetzungstreue und Nachhaltigkeit in der klinischen Praxis zu fördern. Schol et al (2025) aus den Niederlanden Link
Trends: in der Analyse von Daten zur frühen Physio- und Ergotherapie innerhalb der ersten drei Tage nach Aufnahme bei 1.228.909 Intensivpatient:innen in 814 Krankenhäusern in den USA zeigte sich, dass in den Jahren von 2008 bis 2016 die Anzahl kontinuierlich anstieg, dann stabil blieb und in 2020 wieder abfiel. Insgesamt erhielt nur ein Fünftel der Patient:innen frühe Physio- und Ergotherapie. Mintz et al (2025) Link
Kritisches Denken: der Fragebogen “Nursing Critical Thinking in Clinical Practice Questionnaire” wurde für Physiotherapeut:innen angepasst und validiert. Hernandez-Mendez et al (2025) aus Spanien Link
Biomarker ICUAW: Eine systematische Übersichtsarbeit identifizierte aus 5.769 Publikationen 11 Studien mit insgesamt 1.176 kritisch kranken Patient:innen, in denen zehn Biomarker für ICUAW untersucht wurden. Sechs Biomarker, darunter besonders Growth Differentiation Factor-15 (AUC ≥ 0,85), zeigten eine hohe diagnostische und prognostische Genauigkeit, während vier weitere nur moderate Werte (AUC 0,60-0,80) erreichten. Für eine verlässliche klinische Anwendung sind jedoch große prospektive Validierungsstudien und technologische Weiterentwicklungen erforderlich. Song et al (2025) Link
DELIR
Virtuelle Realität: bei 18 Pflegefachpersonen erhöhte ein Training mit VR-Brillen im Vergleich zu einer traditionellen Schulung mit Folien signifikant die Delirbezogene Empathie und auch das Wissen zum Delir. Günther et al. (2025) aus Deutschland Link
Kognitive Reha nach Delir: bei 153 entlassenen Intensivpatient:innen <50 Jahre und ICU-Delir führte eine 12-wöchige, webbasierte Rehabilitation mit verschiedenen physischen und kognitiven Übungen nach 3, bzw. 6 Monaten nicht zu einem verbesserten kognitiven, physischen, mentalen Outcome. Khan et al (2025) aus den USA Link
Erholung nach Delir: In dieser prospektiven Studie mit 120 hospitalisierten Patient:innen ≥70 Jahre zeigte das Delir-Assessment-Instrument 4AT auch bei wiederholten Messungen eine hohe diagnostische Genauigkeit zur Erfassung der Delirerholung. Innerhalb von neun Tagen erholten sich nur 15 % der Betroffenen, wobei Belastungssymptome mit der Erholung abnahmen. McCartney et al (2025) aus Schottland Link
Delir nach HerzOP: In einer qualitative Studie konnte gezeigt werden, dass Intensivpflegefachpersonen die Familienbeteiligung bei postoperativen Herzchirurgiepatient:innen mit Delir als wertvoll ansehen, diese aber stark von klinischen, individuellen und organisatorischen Faktoren abhängt. Informationsweitergabe erfolgt meist erst nach Delirbeginn, während präventive Maßnahmen selten thematisiert werden. Für eine konsequente Umsetzung von Family-Centered Care im Delir-Management werden bessere strukturelle Rahmenbedingungen und gezielte Schulungen gefordert. Azimzadeh et al. (2025) Link
Mortalität: In dieser retrospektiven Beobachtungsstudie mit 3.609 Patient:innen auf der Koronarstation (CCU) wiesen 891 während des Aufenthalts ein Delir auf. Ein Delir war mit einer 1,3fach erhöhten Sterblichkeit bis zu 180 Tage nach Krankenhausentlassung, längeren CCU- und Krankenhausaufenthalten sowie einer höheren Wahrscheinlichkeit für Pflegebedürftigkeit nach Entlassung assoziiert. Xu et al (2025) Link
Melatonin: Eine systematische Übersichtsarbeit mit 32 RCTs (n = 3.895) zeigte, dass Melatonin bei kritisch Kranken Delirien reduzieren (RR 0,72) und die ICU-Verweildauer leicht verkürzen kann (–0,57 Tage), zudem die subjektive Schlafqualität verbessert. Möglicherweise sinkt auch die Häufigkeit unerwünschter Ereignisse, während Effekte auf Schlafunterbrechungen, Angst, Agitation, PTSD, Mortalität und funktionellen Status unklar bleiben. Die Evidenz ist insgesamt niedrig bis sehr niedrig, sodass weitere Studien zu optimaler Dosierung, Verabreichungszeitpunkt und Zielgruppen nötig sind. Tang et al (2025) Link
Acetylcholinesterasehemmer: In einer systematischen Übersichtsarbeit und Meta-Analyse mit zehn Studien (n = 731; 365 AChEIs, 366 Placebo) senkten Acetylcholinesterasehemmer das Risiko für ein Delir signifikant um 32 %, insbesondere bei prophylaktischem Einsatz nach Operationen. Es zeigten sich keine signifikanten Effekte auf Delirdauer, -schwere oder Krankenhausverweildauer, mit Ausnahme einer verkürzten Delirdauer in der Prophylaxe-Subgruppe. Zumerkorn Pipek et al (2025) Link
FAMILIENINTEGRATION:
Psychologische Erste Hilfe auf der Intensivstation: Die Publikation von Adams und North (2025) mit dem Titel „Psychological first aid in the intensive care unit“ ist ein narratives Review, das keine eigenen empirischen Daten erhebt, sondern Konzepte aus der Katastrophen- und Krisenintervention auf den Intensivstationskontext überträgt. Im Mittelpunkt steht das Konzept des Psychological First Aid (PFA), das ursprünglich für die akute Unterstützung von Menschen nach Katastrophen oder kritischen Ereignissen entwickelt wurde. PFA soll akute Belastungsreaktionen mindern und Betroffene dabei unterstützen, ihre Funktionsfähigkeit und Bewältigungsstrategien schnell wiederherzustellen. Die Autorinnen beschreiben die zentralen Elemente von PFA, darunter die Präsenz und Stabilisierung, aktives Zuhören, Aufklärung und Beruhigung, Förderung von Coping-Strategien, praktische Problemlösung sowie Unterstützung von Kolleg:innen und Angehörigen im Sinne einer gezielten Selbst- und Peer-Fürsorge. Besonders hervorgehoben wird, dass formalisierte Protokolle und belastbare Wirksamkeitsstudien für die Anwendung von PFA in der Intensivmedizin bislang fehlen, die Implementierung solcher Konzepte jedoch großes Potenzial zur Entlastung von Patient:innen, Angehörigen und Fachpersonal bietet. Interessant: Im deutschsprachigen Raum existieren bereits implementierte Kriseninterventionsteams in Krankenhäusern, die ähnliche Ziele verfolgen, nämlich die psychosoziale Akutunterstützung bei Belastungssituationen für Patient:innen, Angehörige und Mitarbeitende. Beispiele hierfür finden sich unter anderem an den Universitätskliniken Bonn, Jena und Innsbruck, wo speziell geschulte Teams bei kritischen Ereignissen wie unerwarteten Todesfällen, schweren Komplikationen oder Reanimationen tätig werden. Diese Strukturen zeigen, dass die Konzepte von PFA gut in bestehende klinische Unterstützungsangebote integriert werden könnten. Adams & North (2025) Link
Organspende: Eine retrospektive, multizentrische Studie aus Amerika untersuchte, ob telefonische Erstkontakte zwischen Organ Procurement Organizations (OPOs) und Angehörigen von Intensivpatient:innen die Zustimmung zur Organspende beeinflussen. Analysiert wurden Daten von 2.240 potenziellen Organspender:innen aus den Jahren 2017 bis 2021, die durch New England Donor Services (NEDS) betreut wurden. Hintergrund der Studie war, dass während der COVID-19-Pandemie vermehrt telefonische Gespräche statt persönlicher Kontakte durchgeführt werden mussten. Die Ergebnisse zeigen, dass telefonische Ansprachen in der univariaten Analyse zwar leicht mit einer geringeren Zustimmung assoziiert waren, sich dieser Effekt jedoch in der multivariaten Analyse nicht als signifikant erwies. Erfolgsentscheidend für die Autorisierung zur Organspende waren vielmehr professionell geführte Gespräche durch geschulte OPO-Mitarbeitende, eine enge Zusammenarbeit zwischen OPO und Intensivstation sowie klare Kommunikationsstrukturen ohne parallele unkoordinierte Ansprachen durch das Klinikpersonal. Fazit: Telefonische Erstkontakte stellen keine Barriere für die Organspende dar, wenn sie unter professionellen und koordinierten Bedingungen erfolgen. Und darüber hinaus: Es wäre interessant zu untersuchen, welche Auswirkungen diese Ergebnisse auf aktive Angehörigentelefonate im klinischen Alltag haben könnten. Telefonische Kontakte spielen nicht nur im Kontext der Organspende eine Rolle, sondern auch in der regelmäßigen Kommunikation zwischen Intensivstation und Angehörigen, etwa bei der Übermittlung von Befunden, der Besprechung von Therapieverläufen oder im Rahmen von Entscheidungsprozessen. Die Erkenntnis, dass professionell geführte Telefonate keine nachteiligen Effekte auf die Zustimmung zur Organspende haben, könnte darauf hinweisen, dass strukturierte, empathische und koordinierte Telefongespräche auch in anderen Bereichen der Angehörigenkommunikation vertrauensbildend wirken und die Kooperation sowie das Verständnis der Angehörigen fördern. Weitere Forschung könnte klären, ob gezieltes Training in telefonischer Gesprächsführung für Intensivteams langfristig die Qualität der Angehörigenarbeit und die Akzeptanz kritischer Entscheidungen verbessert. Zhang et al. (2025) Link
FICUS-Studie: Die multizentrische, randomisiert-kontrollierte Studie aus der Schweiz untersucht die Wirksamkeit der FICUS-Intervention (Family-Integrated Care in the Intensive Care Unit) zur Unterstützung von Angehörigen kritisch kranker Patient:innen. Ziel der Intervention ist es, die psychische Belastung der Angehörigen zu reduzieren und ihre Integration in die Versorgung auf der Intensivstation zu stärken. Die FICUS-Intervention umfasst ein strukturiertes Konzept mit regelmäßigem Angehörigen-Coaching, zielgerichteter Informationsvermittlung, partizipativer Einbindung in die Versorgung sowie geplanten Familiengesprächen. Die Ergebnisse zeigen, dass Angehörige in der Interventionsgruppe signifikant niedrigere Angst- und Depressionswerte aufwiesen und sich besser informiert und eingebunden fühlten als die Vergleichsgruppe mit Standardversorgung. Negative Auswirkungen auf die Patientensicherheit oder die Qualität der Versorgung wurden nicht beobachtet. Damit belegt die Studie, dass FICUS ein wirksames Konzept zur Stärkung von Family-Centered Care auf Intensivstationen ist und sowohl Angehörige als auch das Behandlungsteam entlasten kann. Naef et al (2025) Link
OUTCOME
Lebensqualität: in einer systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse mit 65 Studien und 17.298 überlebenden Intensivpatient:innen zu zentralen Faktoren, die die Lebensqualität beeinflussen, wurden vor allem höheres Alter, weibliches Geschlecht sowie längere Aufenthalts- und Beatmungszeiten auf der Intensivstation identifiziert. Insgesamt liegt die Lebensqualität der Betroffenen auf einem moderaten Niveau, wobei die körperliche Dimension stärker beeinträchtigt ist als die psychische. Jiang et al (2025) Link
Outcome nach Clustern: In einer prospektiven Kohortenstudie (MONITOR-IC) mit 2.361 Intensivüberlebenden und externer Validierung an 866 weiteren Patient:innen wurden vier Cluster identifiziert, die sich durch Kombination klinischer und nichtklinischer Daten klar in ihren physischen, psychischen, kognitiven und Lebensqualitäts-Outcomes nach einem Jahr unterschieden: Cluster A (n=204): Gesunder prä-ICU-Status, hohe Erkrankungsschwere, niedrige Glasgow-Coma-Skala, lange ICU-Verweildauer und hatte trotz Funktionsrückgang relativ hohe Lebensqualität nach 1 Jahr; Cluster B (n=877): Gesunder prä-ICU-Status, weniger schwer krank bei Aufnahme hatte beste körperliche, mentale und kognitive Outcomes; Cluster C (n=632): Jüngere, überwiegend weibliche Patient:innen, moderate Einschränkungen vor und nach ICU hatte persistierende Beeinträchtigungen nach 1 Jahr; Cluster D (n=648): Niedriger Bildungsstand, schlechter prä-ICU-Gesundheitszustand hatte nach 1 Jahr weiterhin stark eingeschränkte Outcomes, jedoch Besserung im Vergleich zum Ausgangsniveau. Die Ergebnisse zeigen, dass eine multidimensionale Clusterbildung jenseits von Diagnosen patientenzentrierte Langzeitergebnisse besser abbilden kann als rein krankheitsbasierte Klassifikationen. Porter et al (2025) aus den Niederlanden Link
PICS: Eine multizentrische Kohortenstudie zeigte, dass bei 175 Intensivpatient:innen mit hoher Symptomlast während des Aufenthalts ein deutlich erhöhtes Risiko für körperliche, kognitive und psychische Beeinträchtigungen drei Monate nach Aufnahme assoziiert war. Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung früher Interventionen zur Reduktion langfristiger PICS-Belastungen. Saltnes-Lillegard et al (2025) aus Norwegen Link
Sepsis: In einer Registerstudie aus Schweden wurden 14.006 Überlebende nach einer Sepsis mit einem Intensivstationsaufenthalt >72h untersucht und ermittelt, dass die gesundheitsbezogene Lebensqualität deutlich unter dem normalen Niveau der Bevölkerung lag. Nach 20 Monaten war erst knapp die Hälfte zur Arbeit zurückgekehrt. Halverson et al. (2025) Link
Stürze: Im ersten Jahr nach einem Intensivstationsaufenthalt kommt es häufig zu Stürzen (61% stürzte, jeweils 1 von 4 brauchte eine medizinische Abklärung). Die meisten Stürze fanden in den ersten drei Monaten statt (Möglichkeit zur Intervention?). Zu den wichtigsten Risikofaktoren für Stürze zählen Begleiterkrankungen, Anzahl Medikamente, Gleichgewichtsstörungen und Muskelschwäche. Screening in Follow-Up Kliniken scheint nötig. Parry et al. aus Australien (2025) Link
Hirn vs. Lunge: in der Analyse von 1.510 Intensivpatient:innen mit Schädelhirntrauma aus 18 Ländern wiesen 9.2% (n=137) ein ARDS auf. Wird bei diesen Patient:innen eine lungenschonende Beatmung mit Vt ≤8ml/kgpKG vs. >8ml durchgeführt, ist die adjustierte Intensivmortalität 40% vs. 60%. Daza et al (2025) Link
Palpation vs. Ultraschall: bei 52 Patient:innen, die zu einer Operation eine Kannülierung der A. Radialis erhielten, war die Kontrolle mit Ultraschall vs. einer Palpation mit einem Erfolg beim ersten Versuch verbunden (88% vs. 46%) und auch schneller (5-Minuten-Erfolgsquote 96% vs 65%). Dhakal et al. (2025) aus Kanda Link
Weaning in den Niederlanden: in einer Umfrage bei 132 Intensivstationen halten vor: 44% Protokolle für Postextubationsphase, 49% Protokolle für Weaningsversagen, 58% tägliche SBT, Cuff-leak-Test 1,4%, und mehr. Groenland et al. (2025) Link
Nachsorge: Eine landesweite Erhebung in allen 72 niederländischen Erwachsenen-ICUs zeigte, dass 97,2% mindestens eine frühe und eine späte Nachsorgeintervention anbieten, darunter Intensivtagebücher (97,2%), Nachsorgevisiten (93,1%) und Nachsorgesprechstunden (93,1%). Dennoch setzen nur 27,8% das vollständige Spektrum der nationalen Leitlinienempfehlungen um. Hauptbarrieren sind Zeitmangel, Personalknappheit und finanzielle Einschränkungen, obwohl sich seit 2018 insbesondere die Protokollnutzung, die Einbindung von Pflegefachpersonen in Intensivtagebücher und die Angehörigenbeteiligung verbessert haben. Schol et al (2025) Link
Hypnose: in einer randomisierten, multizentrischen Studie in zwei französischen ICUs verringerte Hypnose bei 78 Intensivpatient:innen zusätzlich zur Standardversorgung bei ungeplanten invasiven Eingriffen wie ZVK-Anlagen nicht den Schmerz, jedoch signifikant die Angst der Patient:innen, den Stress des Pflegepersonals und den Bedarf an zusätzlichem Lidocain. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Hypnose das Wohlbefinden der Patient:innen steigern und das Behandlungsteam entlasten kann (ob das bei der Dienstplanung auch gehen würde?). Maamar et al (2025) Link
GEMISCHTES
Physiologische Trainingsprinzipien: Eine normale Reaktion auf körperliche Betätigung ist die Integration der kardialen, pulmonalen, hämatologischen, muskuloskelettalen und neurologischen Systeme. Ein Verständnis für diese komplexen Vorgänge des Körpers auf Bewegung beim Gesunden ist zwingend nötig um die Reaktion auf Training bei kritisch kranken Personen korrekt zu interpretieren. Brazile et al. (2024) Link
Respiratorische Therapie: Physiotherapeut:innen in Australien machen hauptsächlich manuelle Techniken und Hyperinflation als atemrespiratorische Techniken (weniger MI-E, IMT, Rekrutierungsmanöver oder IPPV). Die Evidenzlage für alle Techniken ist eher schwach. Wood et al. (2025) Link
Präoxygenierung: In einer monozentrischen, clusterkontrollierten Studie mit 3.675 Intensivpatient:innen führte die Extubation mit niedriger inspiratorischer Sauerstofffraktion (FiO₂ 35%) ohne endotracheale Absaugung im Vergleich zu FiO₂ 100% mit Absaugung zu einer 23% geringeren Rate an Reintubation und/oder NIV innerhalb von 48h sowie zu einem signifikant besseren P/F-Quotienten. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass diese Strategie sicher ist und patientenrelevante Outcomes verbessern kann, müssen aber noch in weiteren Studien validiert werden. Prazak et al (2025) aus der Schweiz Link
Postextubationsdysphagie (PED): nahezu ein Fünftel der beatmeten Intensivpatient:innen ist von PED betroffen. PED ist mit einer erhöhten Verweildauer und Mortalität assoziiert, aber noch immer werden Risikopatient:innen nicht systematisch danach untersucht. Übersichtsarbeit von Bertschi et al (2025) Link
PED II: ein weiterer Übersichtsartikel, diesmal auf Deutsch. Glißmann et al (2025) Link
Transporte mit Highflow: in dieser prospektiven Multizenterstudie mit 187 innerklinischen Transporten von 165 Intensivpatient:innen unter transportabler High-Flow-Sauerstofftherapie wurde die Machbarkeit und Sicherheit untersucht. Es traten in 4,3% schwere unerwünschte Ereignisse, meist in Form vorübergehender Hypoxämien beim ersten Transport. Nicht-schwere Ereignisse wie erhöhter Sauerstoffbedarf, Kanülenentfernung oder Gerätefunktionsstörungen waren häufiger (23%) und sollten in weiteren Studien genauer bewertet werden. Nay et al (2025) aus Frankreich Link
Enterale Ernährung: eine Metaanalyse von acht RCTs mit 993 beatmeten Intensivpatient:innen fand keinen relevanten Unterschied in Mortalität, Verweildauer, gastrointestinaler Intoleranz oder Pneumonie zwischen kontinuierlicher und intermittierender enteraler Ernährung. Zukünftige Studien sollten sich auf patientenzentrierte Endpunkte wie Mortalität oder beatmungsfreie Tage konzentrieren. Panwar et al (2025) Link
Übereinstimmung mit Zielen: in einer retrospektiven Analyse der elektronischen Dokumentation von 109 Intensivpatient:innen zeigte sich, dass nur in 50% der Patient:innen die durchgeführten Interventionen den vereinbarten Zielen entsprach, bei 19% widersprachen sie den Zielen, in 32% war dies unklar. Auriemma et al (2025) aus den USA Link
Organspende: Die Optimierung der Physiologie von Organspender:innen ist entscheidend, um die Spendeoption zu sichern und dem Organmangel zu begegnen. Der Artikel beschreibt häufige physiologische Veränderungen bei hirntoten Spender:innen und gibt organsystemspezifische Empfehlungen zu deren Management. Swanson et al (2025) Link
One of us: was verändert sich, wenn Patient:innen oder Familien selbst Ärzt:innen, Therapeut:innen oder Pflegefachpersonen sind? Erhalten sie eine andere Versorgung? Mehr Zuwendung? Ist man selbst verunsichert? Kritische Reflexion von Peschel et al (2025) Link
Fake Science: In den Zeiten von KI stellen zweifelhafte Publikationspraktiken und Journale eine zunehmende Herausforderung für die wissenschaftliche Integrität dar und es ist nicht immer einfach, das Echte vom Falschen zu unterscheiden. Beispiele und Checklisten können helfen. Übersichtsarbeit von Nydahl et al (2025) Link
LEITLINIEN / POSITIONSPAPIERE
Physiotherapie: ein Positionspapier zum Stellenschlüssel der Physiotherapie im Intensivbereich von Physio Austria Link
Zu Hause Sterben: Empfehlungen der britischen Intensivgesellschaft zur Entscheidungsfindung und Durchführung von Transporten von (beatmeten) Intensivpatient:innen nach Hause, um dort zu sterben. Beeindruckend. Intensive Care Society (2025) Link
Künstliche Intelligenz: die Einführung künstlicher Intelligenz in Entscheidungen, Kollaboration und Ausbildung bedarf sorgfältiger Kooperation. Statement von Cecconi et al (2025) Link
S3-Sepsis – Update S3-Leitlinie „Sepsis – Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge“ Link
SHT Management: Neurochirurgisches Management des Schädelhirntraumas bei Erwachsenen und Kindern. Französische Leitlinie von Manet et al. (2025) Link
ERAS nach Trauma und ICU: Empfehlungen zur Versorgung von Traumapatient:innen, die auf Intensivstationen versorgt werden: ERAS und IATSIC Societies, Hardcastle et al (2025) Link 1 ; Link 2 ; Link 3
Delir: eine Leitlinie der Spanish Society of Anaesthesiology, Resuscitation and Pain Therapy Link
Was wir nicht erwähnt haben: zugegeben, die Auswahl der hier berichteten Studien ist willkürlich und interessiert Euch hoffentlich. Dennoch gibt es in jedem Newsletter Studien, die wir bewusst nicht erwähnen, weil sie u.a. im Volltext in uns fremden Sprachen, in umstrittenen Fake-Science-Verlagen, mit fragwürdigen Methoden, Ergebnissen oder Schlussfolgerungen oder aus ähnlichen Gründen publiziert worden sind (Vertiefung hier). Aber auch wir lesen nicht alles: sollten wir eine erwähnenswerte Studie übersehen haben, so sind wir dankbar für einen Hinweis!
Bleibt in Bewegung und bleibt gesund Im Namen der DIVI Sektion Intensivmedizinische Frührehabilitation grüßen
Maria Brauchle, Sabrina Eggmann, Marina Ufelmann & Peter Nydahl
Maria Brauchle, DGKP, Landeskrankenhaus Feldkirch, Pflegeschule Feldkirch, Österreich Dr. Sabrina Eggmann, Physiotherapeutin, MSc, Institut für Physiotherapie, Inselspital, Universitätsspital Bern, Schweiz, bzw. Monash University Melbourne, Australien PD. Dr. Peter Nydahl, GKP, BScN MScN, Pflegeforschung und -entwicklung, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Kiel, Deutschland Marina Ufelmann, GKP, BScN, MScN, ANP und stellv. Sprecherin der DIVI Sektion Intensivmedizinische Frührehabilitation, Klinikum rechts der Isar in München, Deutschland
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